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Im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals in Hamburg, welches zum vierten Mal in diesem Jahr stattfand und welches mittlerweile schon wieder Vergangenheit ist, habe ich zwei Veranstaltungen mir angeschaut. Eine davon war die 4. Lesung des Debütantensalons, bei der an vier Abenden jeweils zwei DebütautorInnen gegeneinander in einer Lesung antraten und für einen Moderatoren Rede und Antwort standen. Dieser Debütantensalon wurde vom NDR aufgezeichnet und wird demnächst im Radio bei NDR kultur ausgestrahlt.

Ich hatte die Gelegenheit mir die vierte Veranstaltung dazu im Kesselhaus der Hafen City mir anzuschauen und konnte Olga Grjasnowa erleben. Sie hat aus ihrem Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt gelesen und sie hat sehr schlagfertig und mit Witz, Charme, Intellekt den NDR Moderatoren schier blass werden lassen. Dieser Abend jedenfalls hat mich dazu bewogen von meinem Grundsatz kein Buch mehr “aus Trieben” angezettelt, zu kaufen, über Bord geworfen. Ich musste es mir nach der Lesung einfach käuflich erwerben und bereue es für keinen einzigen Cent.

In dem Buch wird von Maria Kogan, Mascha gerufen, erzählt, die in Baku (Aserbaidschan) geboren wurde, als Kontingentjüdin in den 90ern nach Deutschland kam, die als Kind während der Unruhen aufgrund des Konfliktes um Bergkarabach Schreckliches erleben durfte, was sie nicht verarbeitet hatte. Mascha ist bei Beginn des Buches Studentin der Übersetzungswissenschaften. Sie ist verliebt in Elias, einem deutschen Jungen, der sich sehr für Maschas “Migrationshintergründe” und Herkunft interessiert, was Mascha gelegentlich nervt. Mascha möchte unbedingt für die UNO als Übersetzerin arbeiten, nur sind die Jobs nicht so einfach zu bekommen. Ihre besten Kumpels sind Sami (ein Deutscher, der im Libanon geboren wurde und ein Auslandsstipendium in den USA hat) und Cem einem Deutschen mit türkischen Wurzeln.
Elias, den Mascha wirklich innigst liebt, stirbt nach einem Sportunfall aufgrund einer Lungenembolie. Dies wirft Mascha total aus dem Konzept und ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und das Grauen von damals brechen wieder in ihrem Kopf auf und sie muss einfach nur weg aus Deutschland. Sie nimmt einen Job bei einer deutschen NGO in Israel auf, für die sie Übersetzungen macht. Nur noch mal zur Info Mascha ist Jüdin, in einem islamischen Land geboren, mit deutschem Pass, spricht kein Hebräisch und geht nach Israel, um aus dem Arabischen zu übersetzen. Wenn das mal nicht enormes Konfliktpotential darstellt?! Mascha versucht jedenfalls mit dem Ausbruch ihre posttraumatische Belastungsstörung in den Griff zu bekommen. Sie versucht Trauerbewältigung erfolgreich zu betreiben. Sie begibt sich auf eine harte Identitätssuche und sie nimmt den Leser dermaßen rasant auf eine Achterbahn der Gefühle mit, dass es einem manchmal die Schuhe auszieht, man weinen muss, man teilweise auch lachend über die Zeilen huscht. Das Buch ist ein echt grandioses Debüt und hat nicht umsonst, den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis erhalten.

Link dazu: hier

Olga Grjasnowa ist 27 Jahre alt, lebt in Berlin und studiert Tanzwissenschaften. Sie ist in Baku (Aserbaidschan) geboren, Jüdin und sie hasst das Wort Migrationshintergrund, denn das impliziert bei ihr sofort die Assoziation “behindert”. Dieses Wort wird in Deutschland zu unrecht viel zu oft im Sprachgebrauch genutzt. Warum eigentlich? Ich habe es auch noch nie verstanden.

P.S.: Wenn ein Sachse nach Hamburg zieht, hat er dann denn nicht auch Migrationshintergrund?!

P.S. 2: Noch ein paar Eckdaten…

Erscheinungsdatum: 06.02.2012
Fester Einband

Preis: 18.90 € (D) / 26.90 sFR (CH) / 19.40 € (A)

ISBN 978-3-446-23854-1
Hanser Verlag