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was es ist: https://tcabam.wordpress.com/2012/07/25/neue-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933

Keine Post von Vater

meine mutter war mit den nerven total fertig. der jüngste sohn, damals eineinhalb, bekam gleich zwei krankheiten gleichzeitig, die dauernden angriffe, es gab auch keine richtigen medikamente und es war inzwischen winter.

in die schule gingen wir nicht. bekleidung gab es nur auf bezugsschein, und auch nur wenn etwas da war. das meiste ging unter den ladentisch weg. so hieß das damals, wenn die verkäuferinnen erst mal an ihre familien dachten.

das schlimmste war: es gab keine schuhe. klapperlatschen gab es, oder im winter holzpantoffeln. mama ist fast ausgeflippt. sie konnte sich einfach nicht damit abfinden, das ihre kinder solche schuhe tragen sollten. sie schaffte es auch tatsächlich, schuhe aufzutreiben, und man staunte: es waren ein paar schwarze lackschuhe dabei und die passten nur mir.

es gab zum abendbrot ganz dünne suppe aus brühe, eine scheibe brot und einen apfel. mehr war nicht da. wir saßen am tisch, als plötzlich frau blume von gegenüber furchtbar zu schreien anfing. mama sagte nur: “schon wieder einer.”

zu allem übel kam, das mein  vater als vermisst galt.

der kleine hatte hohes fieber. der doktor sagte, er müsse ins krankenhaus, aber mama sagte: “niemals! dann sehen wir ihn nicht wieder!”.

der doktor ging und es gab alarm, aber gleich vollalarm!

die bomben fielen und wir standen im treppenhaus. wir hörten die flugzeuge brummen und die einschläge der bomben. mama schrie uns an: “mund auf!”, wegen dem sog, und sie rannte mit dem kleinen carl-heinz im arm rüber in den hauskeller. dann kam sie mit nassen tüchern zurück, stülpte sie uns über, und wir rannten über die straße.

das ufapalast kino am gänsemarkt war getroffen und es brannte lichterloh. es war ein schlimmer angriff, und noch dazu am vormittag.

am späten nachmittag streunte ich durch die gegend. eigentlich sollte ich milch holen, war aber keine da. der valentinskamp war so ziemlich kaputt. aus den hinterhöfen rauchte es noch und die frauen suchten in den trümmern weinend nach noch brauchbaren gegenständen. es war alles sehr schlimm. ich ging ohne milch bedrückt nach hause.

in der nacht träumte ich: ein großes schiff ist im hafen eingelaufen, und durch das bullauge hat papa mir zugewunken.

wir saßen alle in mamas bett und ich war gerade dabei meinen traum zu erzählen, als es klingelte. brunhild rannte zur tür und schrie: “papi, papi!” ,  mama und herma weinten vor freude.

im augenblick war unsere welt in ordnung, und es blieb auch den ganzen tag ruhig. aber nachts gab es wieder alarm. papa wollte nicht aufstehen. er meinte: “an der front ist es viel schlimmer.” , wir zogen uns aber schnell an. plötzlich ging die flak auf dem heiligengeistfeld los.

ich habe meinen vater nie wieder so schnell aus dem bett springen sehen.

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Vorwort https://tcabam.wordpress.com/2012/07/25/vorwort-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

1 – Familienzuwachs https://tcabam.wordpress.com/2012/07/25/familienzuwachs-1937-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

2 – Der Umzug https://tcabam.wordpress.com/2012/07/26/der-umzug-ca-1938-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

3 – Mama mit uns wieder allein… https://tcabam.wordpress.com/2012/07/28/mama-mit-uns-wieder-allein-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

4 -Der Bruder- BLOG-SERIE: Kindheit in Hamburg, Jahrgang 1933 https://tcabam.wordpress.com/2012/08/05/der-bruder-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

5 – Bunker und Kanonenfutter – BLOG-SERIE: Kindheit in Hamburg, Jahrgang 1933 https://tcabam.wordpress.com/2012/08/08/5-keller-und-kanonenfutter-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

6 – Lebensmittelkarten – BLOG-SERIE: Kindheit in Hamburg, Jahrgang 1933 https://tcabam.wordpress.com/2012/08/10/6-lebensmittelkarten-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

7 – Bomben auf Hamburg – BLOG-SERIE: Kindheit in Hamburg, Jahrgang 1933 https://tcabam.wordpress.com/2012/08/12/7-bomben-auf-hamburg-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/