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was es ist: https://tcabam.wordpress.com/2012/07/25/neue-blog-serie-kindheit-in-hamburg-jahrgang-1933/

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Familienzuwachs (1937)

wozu das ganze? wir waren meiner meinung nach mit drei mädchen genug. meine älteste schwester wuchs bei der oma auf und war nur zeitweise bei uns. Oma wohnte aber ganz in der nähe.es war unser zweites zu hause. herma war ein jahr älter als ich und ich war “die kleine süße”.und nun dieses theater: vater wollte eine sohn.

wenn ich ein junge geworden ware, hätten meine eltern wohl aufgehört mir dem kinder kriegen, aber so…

meine großeltern hatten einen gemüseladen, deshalb waren wir manchmal sehr früh für ein paar stunden allein, weil die erwachsenen alle zum großmarkt fuhren.

das klappte auch ganz gut, sie dachten wir schliefen zu dem zeitpunkt noch. dachten sie.

wir putzten die fenster zum beispiel mit milchkaffee oder naschten granolaflocken (cornflakes) mit zucker, wobei der zucker eine spur zum kinderzimmer legte, oder wir naschten von der tollen kirschmarmelade. als wir also mal wieder alles schön gemacht hatten, griffen wir das marmeladenglas und fuhrwerkten ausgiebig darin herum. oh gott! das glas war, bis auf einen kleinen rest, leer! wir hatten angst. was nun? also nahm ich das glas und füllte wasser hinein, oh mann, das war sehr, sehr dünn. meine schwester heulte und ich beugte mich über das küchenbecken und betete: “lieber, lieber wassermann, mach doch die marmelade wieder dick.”

aber es hat nicht funktioniert und wir mussten den lebertran (iiihgit) morgens so nehmen, ohne was nach. denn auch damals war großes sparen angesagt. es gab viele arbeitslose in der zeit. außerdem brauchten wir eine größere wohnung, wegen dem kleinen bruder, der ja nun bald kommen sollte. ich hatte mich so allmählig daran gewöhnt, ein junge konnte mir ja nicht gefährlich werden. mama aber sagte, man müsse auch ein kleine mädchen nehmen. “hauptsache gesund, kinder kann man sich nicht aussuchen, man muss nehmen, was kommt.”

wenn es ein mädchen wird, bin ich nicht mehr klein und werde wohl auch “die große” genannt, wie meine schwester, die gerade mal ein jahr älter war, als ich. mama würde dann rufen: “wo ist die zweite große?” oder so. ich war davon nicht erfreut.

und eines tages war es dann soweit. oma kam mit ilse, meine tante holte sie dann aber bald wieder ab. herma und ich blieben bei papa in der küche, und da waren noch einige frauen die hin und her kramten. eine liege wurde in die stube gebracht. der bruder wurde also in der stube geboren. im flur stand ein großer eimer wasser, und alles lauschte auf den ersten schrei. papa sagte, dann dürfen wir auch in die stube. meine schwester und ich zankten um eine puppe die jonni hieß, eine frau kam aus der stube und sagte: “es ist ein mädchen!”

ich weiß nicht mehr was ich damals dachte, aber es war bestimmt nichts gutes.

nach einer weile durften wir dann zu mama. das kind lag in einem körbchen auf der couch. meine schwester stand verzückt davor. ich ging zu mama ans bett und fragte: “kann die auch schreien?” denn ich hatte vorher nichts gehört. mama sagte: “wenn du ganz vorsichtig auf ihren bauch drückst, schreit sie.”

in einem unbeaufsichtigtem moment ging ich zum korb, schob das kissen zurück und drückte gehörig auf den bauch der doofen schwester. und die brüllte los, was sie bei jeder kleinigkeit zeitlebens beibehielt. ich wurde sofort nach draußen befördert, schubste den wassereimer im flur um und weinte. papa kam und setzte mich in der küche auf seine schoß. er erzählte mir eine geschichte von dem negermädchen Quwendolyn (damals sagte man das noch so). papa fuhr inzwischen wieder zur see und dachte sich immer so tolle geschichten aus, das konnte er sehr gut. die geschichten von quwendolyn begleiteten mich in meiner kindheit.

***

anmerkung von mir: der damalige zeitgeist spiegelt sich auch in der wortwahl, auf die ich keinen einfluss genommen habe, wieder. sollte das jemanden stören: es tut mir leid, damals haben die menschen so gesprochen.