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Über meinen Umgang mit Erinnerungsorten … oder wie ich mich vor dem Besuch in solchen Orten geschickt drücke

Was sind denn Erinnerungsorte?! Sind es Orte, wo einst Geschichte “geschrieben” wurde? Sind es Orte, an die ich mich selbst noch lange in meinem Leben erinnern mag? Sind es Orte, die dazu dienen, dass kollektives Verdrängen und / oder Vergessen abgewendet wird? Sind es Orte, an denen ich erst nach dem Besuch Bezugspunkte in meiner eigenen Biografie kennen lerne? Sind es möglicherweise Orte, wo alles von dem bereits Erwähnten gleichzeitig gültig ist? Ich versuche dies hier irgendwie auseinander zu pflücken und hoffe am Ende meines Gedankenkonstruktes auf einen “grünen” Zweig zu kommen.

Der Grund für diese Überlegungen ist, dass ich seit mehr als zwei Wochen an einem Blogbeitrag über den Besuch der KZ Gedenkstätte Neuengamme und Bullenhuser Damm hier in Hamburg schreibe und ich aber nicht weiß, wie ich es nicht zu reißerisch, emotional überladen, sensationstouristenmäßig daher kommen lassen möchte. Wenn ihr wisst, was ich meine?! Nein bestimmt nicht.

Ich gebe es zu, dass ich an Erinnerungsorten / Gedenkstätten, wo Greueltaten verschiedenster Coleur irgendwann mal in früherer oder neuerer Zeit stattfanden, eher ungern hingehe. Ich lese lieber darüber, ohne an den Orten sein zu müssen. Mir reicht immer das Kopfkino. Ich bin beispielsweise auch ein Mensch, der sich ungern Filme anschaut, in denen wild ohne Sinn und Segen gemordet wird (wird nicht immer ohne Sinn und Segen gemordet). Ich brauche dies nicht zu sehen. Meine moralischen Grundvorstellungen von gut und böse, sowie den Keimzellen von Gut und Böse sind durchaus schon bestens ausgeprägt.

Für mich sind Erinnerungsorte zum Einen diese Orte, wo eben die schrecklichen Taten begannen wurden, aber dazu gehört auch jedes popelige Schloss (und davon gibt es viele in Deutschland), wo man Einblicke ins Leben in der Renaissance, Barock etc. erhalten kann. Dort spare ich sehr gern solche Orte wie Waffenkammern aus. Das muss ich nicht sehen. Echt nicht. Ich bin ein Mensch, der gern an die schönen Dinge erinnert werden mag. Wenn es zumindest die Möglichkeit an solchen Orten gibt, dann suche ich mir dies aus, weil ich ein kleiner Schisshase bin und ich mich schon vor den anschließenden unruhigen Nächten mit gruseligen Träumen fürchte.

Ein Buch zum Abgewöhnen vom Besuch in jeder Folterkammer in Burgen, Schlössern und sonst wo, wenn es sich um Gruseligkeiten aus dem Mittelalter, Renaissance sich handelt, ist dieses zum Beispiel:

Horst Hermann – Sex und Folter in der Kirche

Horst Hermann ist studierter Theologe – Professor für katholisches Kirchenrecht (1970). Nach dem Erscheinen des Buches, fand die Kirche das nicht so richtig lustig und er wurde darum gebeten seinen Job als Theologe aufzugeben (1975) und dann ist er aus der Kirche auch ausgetreten (1981). Das Buch habe ich in meiner Sturm und Drang Phase des Interesse an Mittelalter Rock, Folk, Mittelaltermärkten und Co. gelesen und danach war mein Bedürfnis an weiterer Literatur über “Horror” bis auf Weiteres gestillt.

Ich bin in der Nähe von Bautzen aufgewachsen. Im tiefsten Osten der Republik. Ich hätte nach dem Fall der Mauer und auch jetzt noch, wenn ich in der Nähe bin … ohne Probleme und sicher auch mit Interesse und mit einem gesunden Anteil von Wissen wenigstens einmal die Gedenkstätte Bautzen anschauen können. Habe ich aber nicht. Ich wollte ursprünglich auch die Aufführung des Bautzner Theaters von ANTIGONE in dem Gebäude anschauen, aber ich habe mich immer wieder davor gedrückt. Ich wurde als Kind in der nachgebauten Zelle von Ernst Thälmann (er war im Zuchthaus in Bautzen inhaftiert) zum Thälmannpionier ernannt. Das fand ich damals schon recht spooky. Aber nun ja, dass war DDR live. Nachdem ich damals noch studierend 2000/2001 in der Bibliothek noch angemeldet war, las ich ein Buch, welches mir reichte, um nicht mehr in die Gedenkstätte gehen zu “müssen”. Wolfgang Hardegen – Gefangen in Bautzen.

Ich war bereits mehrfach in Kambodscha, mein Vater ist Khmer, der in der DDR bis zu seinem Tod gelebt hat. Ich habe einen persönlichen Bezug. Ich habe und hatte schon immer ein starkes Interesse daran, was politisch in diesem Land und außenpolitisch in vielen Ländern bezüglich Kambodscha bewusst oder unbewusst schief gelaufen ist. Ich bin daran interessiert mit vollstem Herzen, zumal ich damit möglicherweise auch etwas mehr meine halbe Familie, die in Kambodscha lebt, etwas mehr verstehen oder wenigstens ihr emotional näher kommen kann. Ich hatte jedoch niemals nie das Bedürfnis mir die Gedenkstätten über den Pol Pot Terror anzuschauen. Zumal die Aufarbeitung von Geschichte wird in Kambodscha anders getätigt, als beispielsweise in Deutschland. Das ist mir zu harter Tobak. Ich kann mir allerdings vieles ausgeblümt vorstellen. Es reichen schon Überlebens-Tatsachenberichte, von denen ich schon mehrere gelesen habe.

Loung Ung – Der lange Weg der Hoffnung
Daran Kravanh – Durch die Stille der Nacht
Erich Follath – Die Kinder der Killing Fields <– nach dem Lesen dieses Buches war ich echt wütend, wie Außenpolitik gemacht wurde bezüglich Kambodscha.

Der "Witz" bei Kambodscha ist ja, dass nicht nur Pol Pot und seine Roten Khmer Unheil angerichtet haben, sondern auch noch ein bisschen Wahnsinn vorher geschah durch ein paar Jahre zuviel Vietnamkrieg auf Kambodschanischem Boden. Ich finde, dass ganz Südostasien ein Erinnerungsort ist. Wo immer Du auch hintrittst (schönes Wort übrigens), so trittst Du auf Geschichte, Leid, aber auch Hochkultur (die ganzen Tempelanlagen natürlich! … das bhuddhistische und hinduistische Erbe des ursprünglichen Khmerreiches), die nicht vergessen werden sollte. Ich habe mich jedenfalls über alles "durchgelesen". Auch über den Vietnamkrieg und da gleich richtig.

Bernd Greiner – Krieg ohne Fronten.

Ich bin durchaus gewillt solche Bücher im schnellen Tempo zu lesen … aber bei diesem Buch habe ich echt ständig geweint oder war wütend, traurig. Ich konnte das Buch auch nicht am Abend lesen. Das ging echt nicht. Keine Chance. Es zieht Dir im wahrsten Sinne die Schuhe aus. Es hat mich komplett umgehauen, wegen der Interviews, der Bilder und des sehr guten Schreibstils, auch wenn es ein Sachbuch ist oder gerade deshalb. Bei Tatsachenberichten, die von Überlebenden geschrieben werden, weiß ich schon sehr wohl, dass es hundertprozentig auf die Emotionale Schiene geht, aber diese sachlichen Fakten in Krieg ohne Fronten waren noch einen Ticken schärfer. Jedenfalls werde ich mir in der nächsten Zeit keinesfalls Tuol Sleng oder die Killing Fields anschauen. Fotos, Bilder und Berichte reichen. Ich muss nicht an den Orten sein. Das ist für mich alles eine Nummer zu groß.

Wie komme ich jetzt zurück zu meinem Anfang … Erinnerungsort und / oder warum bekomme ich meinen Besuch in der KZ Gedenkstätte Neuengamme nicht als Blogeintrag hier aufgeschrieben? Ich weiß es nicht. Ich muss dazu sagen, dass ich mich vor dem Besuch dort auch monatelang gedrückt habe.

Als meine Familie die Gedenkstätte besucht hatte. Das war glaub ich irgendwann 2008 … hatte ich nur deren Bilder gesehen, die sie mir in der Email schickten. Sie hatten mir damals schon erzählt, was sie alles gesehen hatten und gelesen … etc. pp., aber damals wohnte ich noch nicht in Hamburg und ich war nicht bereit bei einem Besuch meiner Schwester dann auch noch so zum Spaß einen Ausflug nach Neuengamme zu machen. Gehört hatte ich davon schon einiges und das musste damals für das Erste mal reichen.

Ich bin allerdings im Oktober 2009 nach Hamburg gezogen und ich habe zudem im Oktober 2010 bei einem Konzert meine Freundin kennengelernt, die in Neuengamme arbeitet und sie ermutigte mich dann doch mal “vorbei” zu kommen. Ich habe allerdings noch über ein Jahr gebraucht und tatsächlich dies mal zu tun. Am 28. Dezember letzten Jahres habe ich die Gedenkstätte besucht, aber bis heute, habe ich noch nicht die passenden Worte zu dem Besuch gefunden. Kurz und bündig muss ich aber festhalten, dass ich doch recht zeitnah noch einmal da hin muss. Erstens hab ich nicht alles gesehen. Zweitens kann man dort wunderbar fotografieren und drittens ist die Gedenkstätte sehr kopflastig. Das heißt, wenn man nicht unmittelbar mit diesem Ort persönlich irgendeine Art Beziehung hat, dann wird man auch bei einem bloßen Besuch über das Gelände nicht tief emotional berührt, weil man nichts sieht. Man muss sich die Informationen über das Lager erlesen.

Ein paar Bücher, weswegen ich keine Lust hatte, so eine KZ Gedenkstätte jemals zu besuchen und weswegen ich “Schiss” hatte, dass zu viel von den Greuseligkeiten gezeigt werden könnte, kann ich trotz allem mal hier erwähnen.

Loretta Walz – Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag
Imre Kertesz – Roman eines Schicksallosen

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass Erinnerungsorte – im Sinne von “Wir klären die Menschheit auf, was hier Schreckliches getan wurde und das soll nicht wieder passieren.” für mich meistens zu harter Tobak sind. Ich bin bereit darüber zu lesen und mich darüber in meinem Tempo und in meiner Weise auseinander zu setzen. Das heißt aber auch gleichzeitig, dass ich in meinem eigenem Tempo noch etwas Zeit benötige, um über meinen Ausflug nach Neuengamme hier detailliert zu schreiben. Ich bin ja sonst so ein Mensch, der am liebsten sofort, von allem berichtet und Informationen darüber teilt. Dies gelingt mir hier auf dem Blog allerdings nicht.

dieser Blogpost wurde bei Buchstabenwald ebenfalls veröffentlicht