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Was hat mich nach Neuengamme hingetrieben?
Was macht frau, wenn sie einen Tag “Auszeit” von der Familie sich wünscht zwischen Weihnachten und Neujahr, um sich auszuruhen? Keine Ahnung, was Du machen würdest, aber ich habe mir nicht die Blöße gegeben und bin in die KZ Gedenkstätte Neuengamme “geflüchtet”. Es ist möglicherweise eine ziemlich verrückte Idee gewesen, aber warum sollte die Idee weniger verrückt sein, als ich es sowieso schon bin. Ich wurde damit gelockt, einen persönlichen Rundgang zu bekommen und dann auf dem riesigen Gelände irgendwo “ausgesetzt” zu werden, zum selbst entdecken und in mich gehen.
Zwischen dem Besuch und dem Schreiben dieser Zeilen hier, bin ich vor allem sehr in mich gegangen: Nachzulesen hier: Über meinen Umgang mit Erinnerungsorten
Vielleicht zum Beginn der Beweggrund, warum es mich zu dieser Gedenkstätte getrieben hat. Ich wusste, dass es das KZ gegeben hat. Ich wusste, dass es für lange Zeit im öffentlichen Bewusstsein erfolgreich verdrängt wurde, was unglaublich ist. Ich habe auch den Kampf um die Eröffnung der Gedenkstätte im etablierten Blätterwald anno dazumal (also in den späten Neunziger Jahren bis 2005, wo die Gedenkstätte tatsächlich eröffnet wurde, verfolgt.
Meine Argumente gegen einen Besuch
Ich hegte allerdings nicht wirklich das Bedürfnis so eine Gedenkstätte jemals freiwillig besuchen zu wollen, weil ich mehrere durchaus berechtigte Gründe hatte:
Erfolgreich über den Schatten gesprungen …
Zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich dann also los, diesen Ausflug zu machen. Ich stieg also aus dem Bus aus, was sich bei mir besonders anfühlte, weil mit mir, drei weitere Asiaten den Bus verließen.
Das erste, was wirklich ins Auge fällt, ist das total platte Land. Der Wind fegte ins Gesicht. Und rund um das Gelände gab und gibt es kein Hindernis, wo einem die Sicht in die Weite versperrt wäre. Schon an dieser Stelle fängt mein Kopfkino an. Wie soll hier schon jemand fliehen können?! KEINER, wie ich auch später erfuhr. Die Möglichkeit war einfach nicht gegeben und ehrlich gesagt, wenn man den Bus heutzutage verpasst, dann ist man auch jetzt dort verloren. Weit und breit ist nur plattes Land. Im wahrsten Sinne des Wortes zivilisationsfreie Zone.
Meine Freundin erzählte mir erst mal die Standards und in sehr sehr flotten Redefluss. Ich habe mich auch hinterher “beschwert”. Das war ganz schön flott und das war ich von ihr gar nicht gewohnt. Aber, ihr Kommentar war: “Du hast Dich doch schon vorher belesen, also muss ich nicht alles durchkauen.” Naja, sie hat ja auch irgendwie recht.
Also hier ein paar pure Fakten:
Was gibt es noch zu erzählen?! …
Die KZ Gedenkstätte Neuengamme wurde erst 2005 eröffnet nach zähen Kämpfen gegen das Vergessen und gegen das kollektive Verdrängen der Geschichte. Auf dem Gelände des KZ wurde sehr bald eine JVA gebaut. Gebäude wurden abgerissen. Das Krematorium beispielsweise, musste einem Sportplatz für die JVA weichen. Es ist schon recht arm von einer Stadt, wenn man solange an dem Konzept “hier war früher ein Gefängnis, da können wir ja weiterhin ein Gefängnis auf dem Gelände betreiben” festhielt. Glücklicherweise ist dem jetzt nicht mehr so. Die Gedenkstätte ist jetzt da. Zum Thema Erinnerungskulturen hab ich hier einen Link: Arbeitskreis Konfrontationen Man sollte diese Sache mit der JVA jedenfalls wissen, wenn man nach Neuengamme kommt.
Du stehst dann also da auf dem Appellplatz und drum herum sind angedeutete Umrisse der Baracken und symbolisch dargestellte Zäune. Die Abgrenzungen sind klar und deutlich erkennbar, nur wenn Du da einfach nur stehst, kannst Du höchstens erahnen, worum es geht. Bei den angedeuteten Baracken steht überall ein kleiner sehr sachlicher Text und als Besucher, der keine Begleitung mit Insiderwissen hat, wird das auch nur sachlich verarbeitet.
Die angedeuteten Baracken sind folgender Maßen dargestellt, dass der Rand aus Klinkersteinen ist, zertrümmerten Klinkersteinen und in der Mitte davon sind die zertrümmerten Teile der ehemaligen JVA Gebäude. Der Untergrund, auf dem man dann laufen kann / muss / soll, ist ungemütlicher Schotter. Schließlich war der Ort kein Spazierganggelände. Was außerdem auffällt, sind die wirklich schönen hohen Bäume am Rand des Geländes. Der Wind, der über den Platz fegte, bewegte auch die Bäume schön hin und her. Es mag suspekt klingen, wenn ich das Wort schön an dieser Stelle bemühe, aber der Ort hat wirklich sehr schöne Seiten.
Ausflüchte oder was ich bewusst verpasst habe.
Ich habe es mir nicht angetan über das gesamte Gelände zu gehen. Mir hat es gereicht zwei drei Geschichten über den sogenannten “Bunker” zu hören, dessen Grundmauern teils ausgegraben sind und mit erklärender Tafel und Überdachung etwas abseits von den Baracken steht. Meistens wurden die bestraften Insassen (der Bunker ist ein Gefängnis im Gefängnis quasi) dort missbraucht, geschlagen, gefoltert … aber des öfteren auch umgebracht. Die schon bereits erwähnten sowjetischen Kriegsgefangenen wurden in mehreren Touren dort komplett hineingezwängt und dann wollte man sie mit über den Schornstein eingeführtem Gas umbringen … hat wohl aber nicht so richtig funktioniert, denn das war das erste und letzte Mal, dass diese “Methode” in Neuengamme angewandt wurde.
Ich habe mir von allen Ausstellungen nur die Hauptausstellung angeschaut. Ich war nicht im “Klinkerwerk” und auch nicht in der Sonderausstellung in den alten SS-Garagen. Ich war auch nicht beim Mahnmal. Ich habe mir wirklich nur die Hauptausstellung angeschaut und war damit schon 3 1/2 Stunden lang beschäftigt. Wer also Geduld hat und die Nerven sollte Zeit und Ruhe mitnehmen.
Hauptausstellung
In der Hauptausstellung:
Was mich am meisten schockte und mich noch tagelang beschäftigte nach dem Besuch, war wirklich der Umgang der Bewohner in und um Neuengamme während des Krieges und das echt unglaubliche Verdrängen und merkwürdige Gebaren gegen diese Gedenkstätte nach dem Krieg.
Fazit
Ich bin mit diesem Ort noch nicht fertig. Ich werde wieder kommen. Ich will mehr wissen. Ich möchte auch beim nächsten Mal mehr Fotografien machen. Ich bin jetzt angefixt. Ich brauch manchmal etwas länger.
Diese Gedenkstätte ist definitiv kein Ort, wo Dir etwas vorgekaut wird. Es ist auch kein Ort, der Dich belehren mag. Wenn Du nichts wissen möchtest, dann musst Du auch nichts wissen. Dann läufst Du einfach nur über das Gelände und denkst Dir Deinen Teil. Wenn Du Dir allerdings die Zeit nimmst und tatsächlich in der Ausstellung anfängst zu lesen und dazu noch einen gesunden Menschenverstand hast, kann es Dir ab und an die Kehle zu schnüren.
Für jeden Besucher gibt es noch eine Empfehlung: Nehmt etwas zu essen mit und/oder zum Trinken. Es gibt nur zwei Automaten in der Hauptausstellung, wo es Süßigkeiten gibt und Kaffee im Pappbecher. Damit der Besuch authentischer wird, kann man natürlich auch hungern und Durst haben, ist aber echt nicht zu empfehlen. Es fährt halbstündig ein Bus von der S-Bahnhaltestelle Bergedorf zur KZ Gedenkstätte.
Die KZ Gedenkstätte Neuengamme ist immer offen. Lediglich die Ausstellungen haben Öffnungszeiten.
Mehr Informationen über die KZ Gedenkstätte Neuengamme: hier
Ab sofort beginnt die Rathausausstellung zum Thema: “Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus.”
Eine Ausstellung im Hamburger Rathaus und Begleitprogramm vom 19.01. bis 10.02.2012
Öffnungszeiten: Mo – Fr 10 – 18 Uhr, Sa + So 10 – 13 Uhr. Mehr Informationen dazu: hier
Schöner Bericht, der sehr gut wiedergibt, was Besucher dort erwartet und damit eine durch Medien geprägte Erwartungshaltung realistischer machen helfen kann
Nur als Ergänzung: Stimmt, die Gedenkstätte, so wie sie heute aussieht, ist aus den 2000er Jahren, aber ein erstes Dokumentenhaus (das heutige Haus des Gedenkens) gab es seit 1981. aber die Nachgeschichte mag ja vielleicht Thema deines neuen Besuchs sein
Ich war mir bewusst, dass ich nicht alles hier auftischen wollte … denn sonst wäre das ganze hier zu lang geworden und außerdem soll der Besucher auch noch was Neues erfahren. Danke für den Kommentar.
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